DGIM Ehrenmitglied 1957

Curt Oehme

Professor Dr. med. Curt Oehme, geboren am 17. Dezember 1883 in Dresden, war ein in Göttingen, Bonn und Heidelberg lehrender Internist, der 1930 gemeinsam mit Hermann Paal das Hormon Thyreotropin beschrieb.

Als Sohn des Hausarztes der sächsischen Königsfamilie, Emil Wilhelm Oehme, und dessen Frau Auguste Anna Hilda Muth wuchs Curt Oehme in Dresden auf und legte am Vitzthumschen Gymnasium 1902 das Abitur ab. Im selben Jahr nahm er in Freiburg im Breisgau das Medizinstudium auf, das er dort 1908 nach Stationen in Leipzig und Berlin abschloss. Seine Dissertation trägt den Titel „Über die Beziehungen des Knochenmarkes zum neugebildeten, kalklosen Knochengewebe“. An der Seite von Carl Hirsch wechselte er 1909 nach Göttingen, wo er sich 1913 für Innere Medizin habilitierte und 1918 außerordentlicher Professor wurde. Oehme begleitete Hirsch 1919 auch nach Bonn. An der dortigen Medizinischen Klinik blieb Oehme bis 1928, bevor er in Heidelberg zunächst als planmäßiger Extraordinarius (1932 persönlicher Ordinarius) und Nachfolger Siegfried Tannhausers zum Direktor an die Medizinische Universitäts-Poliklinik berufen wurde. 

Im Vordergrund seiner Forschungen standen Stoffwechselkrankheiten und die Funktionsweise der Hormone. Aus der von ihm und seinem Schüler Hermann Paal geleiteten Forschungsgruppe ging 1930 die Erstbeschreibung des Thyreotropins hervor. – Oehme hielt Distanz zum Nationalsozialismus, obwohl er als förderndes SS-Mitglied und Mitglied von NS-Ärztebund, NS-Volkswohlfahrt und seit 1941 auch der NSDAP registriert war. Die Nationalsozialisten hatten Zweifel an seiner Regimetreue, weil er seine Patienten großzügig mit Lebensmittelzuteilungen versorgte und dem wegen seines politischen Katholizismus an seiner Karriere behinderten Hermann Paal beistand. Oehmes Berufung nach Halle wurde verhindert, seine Poliklinik vernachlässigt und sein persönliches Ordinariat nicht in ein ordentliches umgewandelt. So galt er nach dem Ende des NS-Regimes als unbelastet und arbeitete 1945 im Heidelberger „Dreizehner-Ausschuss“ an einer demokratischen Universitätssatzung. 

Wiederholt äußerte er sich öffentlich kritisch zur Entwicklung der Medizin in der NS-Zeit, so 1945/46 in der von Dolf Sternberger herausgegebenen aufklärerischen Zeitschrift „Die Wandlung“ und in seiner Eröffnungsrede als Präsident des 55. Wiesbadener Kongresses der DGIM 1949. Hier plädierte er – wie sein Schüler Alexander Mitscherlich – für eine Stärkung der psychosomatisch orientierten Medizin. Auf Mitscherlichs Seite stand Oehme auch, als sich dieser wegen seiner Dokumentation des Nürnberger Ärzteprozesses mit seinen Enthüllungen über die NS-Medizinverbrechen Kritik ausgesetzt sah. 

Gleichwohl verhielt sich Oehme weiterhin ambivalent: Als Gutachter entlastete er für NS-Unrecht Verantwortliche und verharmloste die Salzwassertrinkversuche im KZ Dachau. Von 1951 bis 1953 stand Oehme als Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften vor, deren Mitglied er 1937 geworden war. 1952 wurde er emeritiert und legte auch seine Funktion als Chefarzt in der Heidelberger Heilanstalt Speyererhof, die er seit 1946 innegehabt hatte, nieder. An der Universitätsklinik vertrat er sich noch für ein Jahr selbst, bevor er sich seiner Privatpraxis am Heidelberger St.-Joseph-Krankenhaus widmete. Er starb am 5. Oktober 1963. Oehme war seit 1914 mit der Ärztin Margarethe Brauweiler (1888–1963) verheiratet. Das Paar hatte drei Töchter. Neben seinen Werken zur Inneren Medizin veröffentlichte Oehme Betrachtungen zum Arztberuf, darunter 1948 „Die Bildung des Arztes“, 1950 „Goethe und der Arzt von heute“ und 1961 „Am Wege gewachsen. Paralipomena“. 

Literatur in Auswahl: Axel W. Bauer, Innere Medizin, Neurologie und Dermatologie, in: Wolfgang Uwe Eckart/Volker Sellin/Eike Wolgast (Hg.), Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus, Heidelberg 2006, S. 719–810; Dagmar Drüll, Oehme, Oskar Curt Alfred, in: dies. (Hg.), Heidelberger Gelehrtenlexikon. 1803–1932, 2. Aufl. 2019, S. 579 f.; Ralf Forsbach/Hans-Georg Hofer, Internisten in Diktatur und junger Demokratie. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin 1933–1970, Berlin 2018; Ralf Forsbach, Der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin als Erinnerungsort der deutschen Internisten, in: Medizinhistorisches Journal 55 (2020), S. 260–279; Sammer, Christian, Oehme, Curt, in: NDB-online, 1.4.2023 (https://www.deutsche-biographie.de/gnd117098728.html#dbocontent). 

(Bild: Universitätsarchiv Heidelberg, Pos I 08592)