„In einer älter werdenden Gesellschaft spielt Hausarztmedizin eine zunehmend wichtige Rolle“

Porträt Dr. med. Irmgard Landgraf
© Foto Reinhardt

Dass die DGIM heute die größte medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft Europas ist, verdankt sie nicht zuletzt den vielen engagierten Mitgliedern. Sie bringen sich ehrenamtlich neben ihrem beruflichen Alltag ein und geben der DGIM wichtige Impulse. Im Newsletter DGIM aktuell stellen wir diese Menschen vor. Heute: Dr. med. Irmgard Landgraf, hausärztlich tätige Internistin aus Berlin, stellvertretende Sprecherin der AG Hausärztliche Internistinnen und Internisten.

Für Dr. Landgraf ist die Hausarztmedizin ein Fach mit vielen Facetten – spannend, abwechslungsreich und zugleich anspruchsvoll. Sie begleitet Menschen mit Erkrankungen aus allen Bereichen der Inneren Medizin, stellt Diagnosen, leitet Therapien ein und verfolgt deren Verlauf oft über viele Jahre. „Zu meinen Patientinnen und Patienten entwickelt sich dabei häufig ein sehr vertrauensvolles Verhältnis“, erzählt sie. „Ich kenne nicht nur ihre Krankengeschichte, sondern oft auch ihr familiäres und berufliches Umfeld. Das hilft mir, eine Therapie individuell auszurichten – und fördert die Bereitschaft, diese konsequent umzusetzen.“ Gerade diese Nähe und das ganzheitliche Arbeiten machen für sie den besonderen Reiz der hausärztlichen Tätigkeit aus, der sie seit Jahrzehnten mit Überzeugung nachgeht.

Kollegialer Austausch und Herausforderungen der Zukunft

Der kollegiale Austausch war ihr von Anfang an wichtig. „Als Internistin ist es mir wichtig, mich mit hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen über die Herausforderungen im Praxisalltag auszutauschen. Deshalb habe ich mich von Anfang an in der AG engagiert“, sagt sie. Heute gehört sie zum Sprecherteam der Arbeitsgruppe und verantwortet dort das Ressort „Digitalisierung in der Praxis“. Sie ist überzeugt, dass die Digitalisierung ein Schlüssel für die Zukunft ist: „Angesichts der demografischen Entwicklung und des medizinischen Fortschritts stehen wir in unserem Gesundheitssystem vor enormen Herausforderungen. Diese werden wir nur mit guter digitaler Unterstützung meistern können.“ Für sie ist die Digitalisierung kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, das die tägliche Arbeit erleichtert, die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fachdisziplinen verbessert und die Versorgungsqualität erhöht.

Ihre Stimme in der DGIM hat Gewicht, denn sie stützt sich auf jahrzehntelange Erfahrung. Zehn Jahre arbeitete sie im Krankenhaus, davon fünf Jahre als Oberärztin. Dann folgten über drei Jahrzehnte, in denen sie eine eigene Hausarztpraxis führte. Heute ist sie als angestellte Ärztin in der Praxis ihrer Nachfolgerin tätig. „Mit dieser Berufserfahrung kann ich mich nicht nur mit wichtigen Argumenten in die Gremienarbeit einbringen, sondern mich auch als Moderatorin oder Referentin bei Kongressen und Fortbildungen engagieren“, sagt sie. Digitale Unterstützung hat sie schon früh in ihrer ambulanten Tätigkeit eingesetzt – und dabei durchweg positive Erfahrungen gesammelt. „Unsere Arbeit wird dadurch erleichtert, und gleichzeitig verbessert sich die Versorgungsqualität erheblich.“ Mit dieser Überzeugung bringt sie sich heute aktiv in den Projektgruppen der Kommission „Digitale Transformation“ in der Inneren Medizin ein. 

Vernetzung und Zukunftswünsche

Besonders stolz ist sie auf die gute Vernetzung innerhalb der AG. „Wir können uns unkompliziert und zeitnah austauschen, sei es über einen Messenger-Dienst oder per E-Mail. Jede und jeder kann sich so einbringen, wie es der Praxisalltag und die familiäre Situation erlauben. Dieser kollegiale Austausch erleichtert uns den Alltag und macht unsere AG attraktiv.“ Auch innerhalb der DGIM fühlt sie sich mit ihrer Arbeit wertgeschätzt: „Wir hausärztlichen Internisten profitieren seit Jahren vom großen Netzwerk. Wir fühlen uns willkommen und bei wichtigen Aktivitäten einbezogen – sei es bei der Kongressgestaltung, in Taskforces oder beim Opinion-Leader-Meeting.“

Blickt Dr. Landgraf in die Zukunft, formuliert sie drei klare Wünsche: Erstens eine weiterhin gute interdisziplinäre Vernetzung und den kollegialen Austausch über Fortschritte in der Medizin bei Seminaren, Kongressen und Projekten. Zweitens wünscht sie sich die Förderung interdisziplinärer und sektorenübergreifender Versorgungsforschung, die die hausärztliche Perspektive berücksichtigt und Digitalisierung sowie KI einbezieht. Und schließlich würde sie sich über die Unterstützung bei der Entwicklung und Etablierung sinnvoller Präventionsstrategien freuen. „Dazu ist auch der Dialog mit politischen Entscheidungsträgern wichtig – und darauf könnte die DGIM sicher Einfluss nehmen“, betont sie.

Hausarztmedizin mit Nähe und Vertrauen

Ihre Begründung ist klar: Die Hausarztmedizin spiele in einer älter werdenden Gesellschaft eine zunehmend wichtige Rolle. Patientinnen und Patienten bräuchten bei wachsender medizinischer Komplexität eine Ärztin oder einen Arzt ihres Vertrauens, der sie aufkläre, bei Entscheidungen helfe und Prioritäten setze. „Wir Hausärzte kennen unsere Patienten oft jahrelang und können so sehr gut dabei helfen, individualisierte Therapiekonzepte zu entwickeln“, betont sie. Hinzu komme, dass immer mehr multimorbide ältere Menschen wegen körperlicher oder kognitiver Einschränkungen keine fachärztliche Praxis mehr aufsuchen könnten. „Sie müssen in ihrer Wohnung medizinisch versorgt werden. Das ist eine Domäne der Hausarztpraxen – und dafür brauchen wir den kollegialen Austausch mit allen anderen Fachdisziplinen.“ Ein wichtiges Anliegen ist ihr zudem die Prävention: „Sie muss in unserer Gesellschaft noch einen viel größeren Stellenwert bekommen. Denn wir können heute sehr alt werden, und das sollte uns mit guter Lebensqualität gelingen. Deshalb bedarf es einer guten Prävention, die schon im Kindesalter beginnt.“
 

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