„Wir müssen das Thema Genetik stärker in die Breite der Inneren Medizin bringen“

Porträt Prof. Dr. med. Andreas Neubauer
© Fotostudio Laackmann / Jürgen Laackmann

„Molekulare und genetische Fragestellungen werden zunehmend ein integraler Bestandteil der Inneren Medizin sein“; sagt Professor Dr. med. Dr. Andreas Neubauer. Der Marburger Hämatoonkologe und ehemalige DGIM-Vorsitzende ist seit Kurzem auch Sprecher der Task Force Humangenetik der DGIM. Worum es in dieser neuen Initiative geht, erklärt er im Interview.

Herr Professor Neubauer, was war der Anlass für die Gründung der Task Force Humangenetik in der Inneren Medizin?

Genetische Faktoren spielen bei vielen internistischen Erkrankungen eine zentrale Rolle. Dabei ist klar, dass Mutationen in unser Genom nicht nur durch Umwelteinflüsse geraten, sondern dass wir natürlich auch mit vielen Genvariaten geboren werden, die unsere Bereitschaft, Krankenheiten zu bekommen, teilweise massiv beeinflussen können. Humangenetik beschäftigt sich seit jeher mit krankheitsrelevanten Veränderungen in unserer Keimbahn. Humangenetik ist somit kein Spezialthema mehr, sondern betrifft alle Bereiche der Inneren Medizin. Sie hilft, Erkrankungen besser zu verstehen und gezielter zu behandeln. Spannend ist gerade, dass ja beides, Keimbahnvarianten und somatische Mutationen, am Schluss die Erkrankung ausmachen und oft den Verlauf bestimmen. In der Onkologie z.B. sind die meisten genetischen Veränderungen somatisch entstanden und im Laufe des Lebens erworben worden. Dennoch gibt es eine große Schnittmenge zwischen internistischen Fragestellungen und genetischen Aspekten. Für die Innere Medizin ist es dringend notwendig, in allen Schwerpunkten ein größeres Bewusstsein für genetische Zusammenhänge zu schaffen.

Entstanden ist die Idee dieser Task Force bereits 2024 in einem Gespräch zwischen mir und der früheren Präsidentin der Gesellschaft für Humangenetik (GfH), Professorin Evelin Schröck. 
  

In welchen Situationen begegnet Ärztinnen und Ärzten die Humangenetik bereits im internistischen Alltag?

Ergebnisse genetischer Diagnostik sind heute bereits unverzichtbar – vor allem in der Krebsmedizin. Ohne sie können wir viele Tumorerkrankungen wie Lungen-, Darm- oder Brustkrebs sowie Leukämien oder Lymphome nicht optimal behandeln. Auch bei anderen Erkrankungen, etwa bei Herzinsuffizient oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, beeinflussen genetische Unterschiede den Verlauf und die Therapie. Es geht hier also um Präzisionsmedizin. Sie basiert auf der genetischen und molekularen Charakterisierung von Erkrankungen. Präzisionsmedizin bedeutet aber auch: Wir setzen Medikamente gezielt dort ein, wo sie aufgrund der genetischen Ausstattung unserer Patientinnen und Patienten am besten wirken. Das macht die Behandlung wirksamer und sicherer.
  

Wie verbreitet ist das Wissen um die Zusammenhänge zwischen Genetik und internistischen Erkrankungen?

Da stehen wir noch am Anfang. Ein Beispiel ist die klonale Hämatopoese: Sie bezeichnet die Vermehrung von Blutzellklonen mit erworbenen Mutationen, die typischerweise im höheren Lebensalter auftreten. Studien zeigen, dass diese Veränderungen mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt, Adipositas oder dem Auftreten verschiedener Tumorerkrankungen assoziiert sind. Wie es aussieht, gibt es einen Zusammenhang mit chronischen Entzündungsprozessen. Es besteht weiterhin großer Forschungsbedarf, um diese genauen Zusammenhänge zu verstehen. Interdisziplinäre Forschungsansätze, die humangenetische und internistische Expertise verbinden, sind hierfür essenziell. Die Zusammenarbeit mit der GfH wird uns dabei sehr helfen.
  

Was sind hierbei die Aufgaben der Task Force?

Ziel ist es, die genetische Diagnostik in die Weiterbildung zu integrieren. Wir wollen ein Curriculum erarbeiten, das genetische Fragestellungen für die Innere Medizin vermittelt. Geplant sind Kursangebote, auch online, um Wissen niedrigschwellig zugänglich zu machen. Es geht nicht darum, Humangenetiker auszubilden, sondern Grundlagen für die Weiterbildung in Innerer Medizin zu vermitteln.
  

Wie wird sich konkret die Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Humangenetik gestalten?

Um die enge Verbindung zwischen Humangenetik und Innerer Medizin weiter zu stärken, haben wir beschlossen, künftig regelmäßig gemeinsame Sitzungen im Rahmen der jeweiligen Jahreskongresse zu veranstalten. Ein erstes Beispiel hierfür ist die geplante gemeinsame Sitzung mit Professor Markus Nöthen, dem aktuellen Präsidenten der GfH, auf der DGIM-Jahrestagung 2026. Dort werden wir zentrale Themen wie Fettstoffwechselstörungen, Lungenerkrankungen und onkologische Fragestellungen diskutieren – Bereiche, in denen sich die wissenschaftlichen Schnittmengen besonders deutlich zeigen. Gerade in der Onkologie, aber zunehmend auch in anderen internistischen Disziplinen, ist die Integration genetischer Erkenntnisse essenziell. Unsere Zusammenarbeit soll dazu beitragen, genetische und internistische Expertise systematisch zu verknüpfen und so innovative Ansätze für Diagnostik und Therapie zu fördern.
  

Sie arbeiten derzeit an einem Diskussionspapier. Welche Inhalte stehen dabei im Mittelpunkt?

Im Papier geht es um die Frage, wie molekulare und genetische Kernkompetenzen in die Innere Medizin integriert werden können. Wir haben das vorläufig „Genetik in der Inneren Medizin“ genannt. Ziel ist es, daraus ein Curriculum zu entwickeln, das internistische Ärztinnen und Ärzte befähigt, genetische Aspekte bei Diagnostik und Therapie mitzudenken.
  

Wie sehen Sie die Zukunft der Humangenetik in der Inneren Medizin?

Die Integration genetischer Diagnostik in die ärztliche Weiterbildung ist ein wichtiger Schritt. Wir müssen die Inhalte niederschwellig und praxisnah vermitteln, damit auch Ärztinnen und Ärzte in kleineren Krankenhäusern Zugang zu diesem Wissen haben. Die Humangenetik wird zunehmend ein integraler Bestandteil der Inneren Medizin sein und die Präzisionsmedizin weiter vorantreiben.
  

Vielen Dank für das Gespräch!

Hinweise zum Datenschutz

Diese Website verwendet verschiedene Arten von Cookies:
Technische und funktionale Cookies benötigen wir zwingend, damit die Webseite funktioniert.

Analytics-Cookies setzen wir ein, damit wir Sie auf unseren Seiten wiedererkennen und den Erfolg unserer Kampagnen messen können.

Marketing-Cookies helfen uns, Sie besser ansprechen zu können, auch außerhalb unserer Webseiten.

Sie können jederzeit festlegen und ändern, welche Cookies Sie zulassen und welche nicht. Weitere Informationen finden Sie auf der Seite Datenschutz.

Infos
Infos