Porträt Sprecher der Jungen DGIM Dr. Christian Becker
© Privat.

Kliniken spezialisieren sich und die Ambulantisierung verlagert Patientenversorgung in den ambulanten Sektor. Damit verändern sich auch die Rahmenbedingungen für die ärztliche Weiterbildung. Doch muss sie auch kürzer werden? Auf Einladung der Bundesärztekammer hat die AG JUNGE DGIM sich im Dezember 2024 mit einer Stellungnahme zu dieser Frage geäußert. Dr. Christian Becker, Sprecher der Jungen DGIM, hat die Stellungnahme mit den Nachwuchsvertretungen mehrere weiterer internistischer Schwerpunktgesellschaften abgestimmt. Im Interview spricht er über Sinnhaftigkeit einer Verkürzung der Weiterbildung, Effizienz-Potenziale und bürokratische Hürden.

 

Herr Dr. Becker, welche konkreten Änderungen sind im Zuge der Umstrukturierung der Musterweiterbildungsordnung geplant, und welche Auswirkungen erwarten Sie davon auf die ärztliche Weiterbildung?

Ein zentraler Punkt, der derzeit diskutiert wird, ist die zeitliche Verkürzung der Weiterbildung. Das hätte natürlich immense Auswirkungen auf die Weiterbildung, denn dann – so zumindest die grundsätzliche Idee – müssten Inhalte gekürzt oder gestrichen werden. Die Haltung der Jungen DGIM und zahlreicher weiterer Vertretungen junger Kolleginnen und Kollegen in weiteren Fachgesellschaften ist: Bevor wir über eine Verkürzung der Weiterbildung entscheiden, müssen wir zunächst die Inhalte der Weiterbildung überprüfen, ob sie alle sinnvoll sind oder ob man sie neu definieren müsste. Erst im zweiten Schritt sollte man dann schauen, ob sich die aktualisierten Inhalte tatsächlich in einer kürzeren Zeit vermitteln lassen.

 

Sehen Sie Risiken, dass in einer verkürzten Weiterbildung essenzielle Kompetenzen nicht mehr ausreichend vermittelt werden können?

Das Risiko besteht durchaus, dass bei einer Verkürzung Weiterbildungsinhalte rausfallen, die für die ärztliche Tätigkeit wichtig sind. Das gilt vor allem bei praktischen Fähigkeiten. Was wir nicht wollen, ist, dass man erst nach Erwerb des Facharzt-Titels die praktischen Fähigkeiten in weiteren Modulen noch erlernen muss. Allerdings bietet eine mögliche Verkürzung der Weiterbildungszeiten auch Potenzial, die Weiterbildung neu und effizienter zu gestalten.

 

In der Stellungnahme wird auch von einer effizienteren Weiterbildung gesprochen. Welche Maßnahmen halten Sie für notwendig, um dieses Ziel zu erreichen?

Es geht nicht darum, unbedingt Inhalte zu streichen. Die große Chance liegt darin, vorhandene Weiterbildungsinhalte effizient zu verknüpfen. Ein großes Thema dabei ist auch die Bürokratie und hier vor allem der Anmeldeprozess für die Facharzt-Prüfung und die Zertifikate, Zeugnisse und Unterlagen, die man dafür einreichen muss. Dieser Prozess ist in einigen Landesärztekammern sehr bürokratisch ausgestaltet. Das elektronische Logbuch ist ein erster Versuch, hier zu einer Vereinfachung zu kommen, aber auch hier müssen die Weiterbildenden erst einmal den Umgang in Schulungen erlernen.

Auch die Bürokratie, die im ärztlichen Alltag in der Patientenversorgung anfällt, sollte man unter dem Effizienz-Gedanken angehen. Strukturierte Weiterbildungsprogramme, die einen klaren Plan vorgeben, welche Inhalte wann zu vermitteln sind, wären weitere Bausteine, um mehr Zeit für die Weiterbildung zu gewinnen.

 

Warum ist die sektorenübergreifende Weiterbildung so wichtig, und welche Vorteile bringt sie für die Nachwuchsgewinnung und Ausbildung?

Auch für mich, als jemand der an einer Uniklinik arbeitet, ist der ambulante Bereich ein extrem spannender. Die Krankenhausreform und die Ambulantisierung werden dazu führen, dass jeder Arzt und jede Ärztin in Weiterbildung mehr Zeit in der ambulanten Versorgung verbringen wird, sei es in der Klinik oder einer Praxis. Dieser Blick ist auch wichtig, damit in der Klinik tätige Kolleginnen und Kollegen die Situation der Zuweisenden besser verstehen. Außerdem sehen sie in der ambulanten Versorgung, wie es mit den Patientinnen und Patienten nach Entlassung aus der Klinik weitergeht.

Wer heute für kurze Zeit in den ambulanten Bereich hineinschnuppern will, muss dafür oft sogar einen neuen Arbeitsvertrag abschließen. An dieser Stelle wären Weiterbildungsverbünde, die für die Weiterzubildenden einen leichten Übergang ermöglichen, eine tolle Möglichkeit.

 

Der Wechsel der Landesärztekammer wird als bürokratische Hürde beschrieben. Welche Änderungen wünschen Sie sich hier konkret?

Bei allen Vorteilen des Föderalismus sind solche bürokratischen Hürden beim Wechseln zwischen den Landesärztekammern ein klarer Nachteil. Dieser zeigt sich vor allem bei der Frage, welche Inhalte die Landesärztekammern für die Weiterbildung fordern und gegenseitig anerkennen. Auch bei der Kommunikation, welche Inhalte in der Weiterbildung genau relevant sind und wie die Rotationszeiten gestaltet sein dürfen, sehen wir Bedarf für eine Vereinheitlichung. Das würde für diejenigen, die zwischen Bundesländern wechseln wollen, einen deutlichen Gewinn darstellen. Ich selber habe einen kurzen Teil meiner Weiterbildung in Hessen absolviert und musste dafür die Ärztekammer wechseln, ins hessische Versorgungswerk eintreten und Beiträge zahlen. Noch mehr Bürokratie und Aufwand war dann damit verbunden, alle Inhalte, die ich in Hessen in der Weiterbildung absolviert habe, in Niedersachsen anerkannt zu bekommen. Diese bürokratischen Hürden ließen sich durch eine Vereinheitlichung vermeiden. Solche Probleme existieren nicht nur im klinischen Bereich, sondern auch bei Forschungszeiten. Auch hier wünschen wir uns eine einheitliche Anrechenbarkeit.

 

Wie sehen denn die nächsten Schritte in der Reform der Musterweiterbildungsordnung aus?

Als JUNGE DGIM haben wir unsere Stellungnahme gemeinsam mit weiteren jungen ärztlichen Vertretungen gegenüber der Bundesärztekammer abgegeben. Uns geht es darum, dass nun zunächst die einzelnen Inhalte der Weiterbildungskataloge überprüft werden sollten, um dann erst anschließend über die eventuelle Verkürzung zu beraten.

 

Vielen Dank für das Interview!

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