Dagmar Führer-Sakel: „Paradigmenwechsel“ als Programm
Professorin Dr. Dr. med. Dagmar Führer-Sakel ist leidenschaftliche Internistin, international anerkannte Endokrinologin und Diabetologin und begeisterte Wissenschaftlerin. Seit Mai 2025 steht sie als Vorsitzende an der Spitze der DGIM. In ihrer Amtszeit will sie den Blick auf die großen Veränderungen richten, die die Innere Medizin aktuell erlebt und die DGIM zu einem Dialog und Aufbruch in die Zukunft der Inneren Medizin einladen.
„Wir erleben derzeit eine Fülle an wissenschaftlichen Erkenntnissen, neuen Therapien und Technologien, die einen Umbruch bei Diagnostik und Therapie bedeuten und Sichtweise auf Gesundheit, Krankheit und den Menschen als Ganzes verändern“, sagt Führer-Sakel. Für sie ist klar: Die Innere Medizin müsse diese einmalige Chance nutzen und sich für die Zukunft positionieren. Dazu gehörten sowohl strukturelle Reformen als auch ein Wandel von der „Reparaturmedizin” zur Prävention von Erkrankungen „Zentral ist für mich auch, dass wir Innovationen und wissenschaftliche Erkenntnisse verantwortungsvoll für eine bessere Versorgung nutzen“, so die Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel am Universitätsklinikum Essen.
Der Internistenkongress 2026 als Labor neuer Konzepte
Das Leitthema für den 132. Internistenkongress 2026 lautet: „Paradigmenwechsel in der Inneren Medizin – die Zukunft gestalten“. Dabei geht es der Kongresspräsidentin nicht um abstrakte Zukunftsszenarien, sondern um die konkrete Umsetzung neuer Therapieansätze, Versorgungsmodelle und digitaler Technologien. Inkretin-basierte Hormontherapien, CART-Zellen, Small Molecules oder Machine Learning/KI nennt sie als Beispiele, die die Innere Medizin heute schon grundlegend verändern. „Sie schaffen neue Therapie-Möglichkeiten und bringen unser Verständnis von Krankheiten aus allen Bereichen der Inneren Medizin deutlich voran.“
„Zuvorderst müssen wir aber gerade in der Inneren Medizin über Prävention sprechen und diese auch endlich angehen“, fordert Führer-Sakel. Moderne Konzepte von Selbststeuerung und Patient Reported Outcome Measures seien wichtige Mittel im Kampf gegen Volkskrankheiten wie Diabetes, Adipositas, Hypertonie und deren vermeidbare Folgeerkrankungen an Herz, Niere, Leber, Gehirn. „Ebenso müssen wir uns zu Chancen und Grenzen der ambulanten Medizin verständigen und uns gemeinsam auf den Weg machen, um Wissens- und Versorgungslücken zu schließen“, sagt die DGIM-Vorsitzende und spannt den Bogen inhaltlich von den seltenen Erkrankungen, der Transition und Langzeitnachsorge und bis zu geschlechtsspezifischen Unterschieden von internistischen Erkrankungen. Dieses Thema behandle die DGIM nun unter Beteiligung aller Schwerpunktgesellschaften der Inneren Medizin in der neu gegründeten Kommission "Geschlechtersensible Medizin“.
Für das „Labor neuer Konzepte“ sieht die Vorsitzende besonders die Junge DGIM als Forum. „Hier entstehen aktuell spannende Ideen für die Zukunft der Inneren Medizin, die auch für gestandene Internisten interessant sind.“ Ebenso soll DGIM Futur, die Bühne für digitale Innovationen und neue Technologien in der Inneren Medizin, im Kongressjahr eine noch wichtigere Rolle spielen.
Austausch und Vernetzung über Länder- und Fachgrenzen
Der Jahreskongress 2026 soll auch europäische Perspektiven einbeziehen. „Wir können vom gegenseitigen Austausch mit den europäischen Kollegen nur profitieren, wissenschaftlich und für Versorgungsstrukturen. Lassen Sie uns mutig über den Tellerrand schauen und Neues wagen“, sagt Führer-Sakel. Das gelte auch in Hinblick auf weitere Berufsgruppen, die zum Wohlergehen der Patientinnen und Patienten beitragen. „In vielen Bereichen der Patientenversorgung ist der alleinige Fokus auf die ärztliche Rolle zu kurz gegriffen“, so die Internistin.
Wissenschaft und Versorgung sollten nach ihrem Idealbild noch stärker verzahnt, nichtärztliche Berufsgruppen strukturell eingebunden werden. Fortschritt in der Inneren Medizin, so ihre Überzeugung, kann nur gelingen, wenn alle relevanten Akteure beteiligt werden – vom Clinician Scientist bis zur Pflegewissenschaftlerin.
Zur Person
Dagmar Führer-Sakel studierte Humanmedizin in Gießen, am Trinity College Dublin und der University College London, promovierte 1996 mit „summa cum laude“ und schloss 2002 mit Förderung durch die BASF/Studienstiftung einen Ph.D. in Cardiff an. Ihre akademische Karriere in der Endokrinologie und Diabetologie begann sie am Universitätsklinikum Leipzig, wo sie sich ab 2001 als Emmy-Noether-Nachwuchsgruppenleiterin mit molekularen Mechanismen von endokrinen Tumoren befasste und 2004 habilitierte. Nach internistischer Facharzt-Ausbildung erfolgte bereits 2003 die Ernennung zur Oberärztin und nach Spezialisierung in Endokrinologie, Diabetologie und Andrologie die Bestellung zur stellvertretenden Klinikdirektorin.
Im Jahr 2009 erhielt sie als erste Frau in Deutschland den Ruf auf einen Lehrstuhl für Innere Medizin/Endokrinologie und Diabetologie, den sie 2011 an der Universität Duisburg-Essen antrat, verbunden mit der Leitung der gleichnamigen Klinik und akademischer Verantwortung für die Labormedizin am Universitätsklinikum Essen. Mit ihrem Team baute sie die Klinik zu einem international anerkannten Zentrum für Schilddrüsenforschung, endokrine Onkologie und seltene Erkrankungen aus. Als neuen Schwerpunkt implementierte sie die Diabetologie mit einem krankenhausweiten digitalen Diabetesmanagement und etablierte neue Strukturen zur Transition und zur endokrin-metabolischen Nachsorge bei Organtransplantation und nach Krebserkrankung.
Von 2018 bis 2022 bekleidete sie das Amt der Prorektorin für Forschung, wissenschaftlichen Nachwuchs und Wissenstransfer der Universität Duisburg-Essen (UDE). Sie war Sprecherin mehrerer Forschungsverbünde, u.a. des SPP1629 (2012 – 2019) und aktuell des SFB/Transregio 296 und ist Mitglied in nationalen und internationalen Wissenschaftskommissionen. Im Jahr 2023 wurde D. Führer-Sakel für den Schwerpunkt Endokrinologie/Diabetologie in den wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer berufen. Ein zentrales Anliegen ist ihr die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Sie ist Sprecherin des DFG Clinician Scientist Programms UMEA der Medizinischen Fakultät der UDE, sowie Mitantragstellerin des BMBF-geförderten Advanced Clinician Scientist Programms UMEA2.
Sofern sie nicht für die Innere Medizin und Wissenschaft unterwegs ist, begeistert sie sich für ihre vierköpfige Familie mit Hund, für Reisen und die Berge und musiziert als Bratschistin im Universitätsorchester.