Erfahrungsbericht Junge Internisten bei Hilfsprojekt auf Lesbos

Mut zum Aufbruch - Hilfe wird ganz in unserer Nähe gebraucht

Erfahrungsbericht von Frau Dr. Friederike Lutz

An dem Tag Mitte Februar vor einem Jahr, als ich kündigte, hätten mich einige der angesehenen Virologen schon in weiser Voraussicht, was da kommen würde, mindestens für verrückt erklärt. Aber: nach der zweiten Facharztprüfung und knapp 9 Jahren deutschen Klinikalltags (eine ausführliche Erklärung des letzteren ist wohl nicht vonnöten) brauchte ich eine Pause. Ärztin sein wollte ich aber weiter. Ich wollte medizinische Hilfe leisten dort, wo sie am nötigsten ist - und dabei den Blick öffnen für fremde Länder, Kulturen und Menschen. Ich möchte denjenigen Mut machen, die aus verschiedensten Gründen zögern, solche Projekte anzugehen, ohne dabei die Herausforderungen zu verschweigen. Zum aktuellen Zeitpunkt kann man sagen: Meine Entscheidung hat sich zu 100% gelohnt. Der Mut hat sich ausgezahlt. Und damit wären wir bei dem wichtigsten, was man für einen Auslandseinsatz braucht: Mut! Heraus aus der vielzitierten Komfortzone. Ohne Pandemie wäre ich wahrscheinlich weiter gereist - zunächst war es frustrierend, alle Möglichkeiten, die ich durch die langen Recherchen gefunden hatte, von der Pandemie zunichte gemacht zu sehen. Dennoch war die Zeit dort für mich lebensverändernd. Am Ende verbrachte ich statt geplanter zwei ganze vier Monate auf Lesbos. 

 

Zeitpunkt der Planung

Eine Vorlaufzeit von 6-12 Monaten ist bei den meisten Organisationen nötig. Bei innereuropäischen Einsätzen reichen ein paar Monate aus. Auch bei eigenständig organisierten Einsätzen sollte man sich bewusst sein, dass die Bürokratie z.B. für eine Arbeitsgenehmigung im Ausland Zeit braucht.

Eine Berufserfahrung von 1-2 Jahren wird zu Recht zumeist gefordert, allerdings gibt es einige Organisationen, die Einsätze auch für StudentInnen kurz vor dem Examen oder frisch Approbierte anbieten mit entsprechend angepassten Aufgaben.

 

Finanzielles

Die meisten Hilfseinsätze werden nicht vergütet, Ausnahmen bilden z.B. Ärzte ohne Grenzen oder aber, wenn man Erfahrungen mitbringt bzw. Weiterbildung in Tropenmedizin/public health, eine Festanstellung über andere große Organisationen (WHO, Ärzte der Welt, etc.). Flugkosten müssen teilweise selbst übernommen werden. Die Kostenübernahme für die Unterkunft vor Ort ist unterschiedlich geregelt, je länger der Einsatz, desto häufiger ist sie kostenlos. Nicht vergessen: Haftpflicht- oder Krankenversicherung muss man eventuell selbst regeln.

Wie findet man Organisationen und Einsatzland?

Die Internetrecherche war tatsächlich komplexer, als ich dachte. Die großen Organisationen finden sich schnell, da man die Namen ja auch kennt, für die kleinen und privaten Projekte braucht es viel Zeit (Suchbegriffe wären z.B. "medical healthcare", "medical NGO", "volunteering"). Es lohnt sich z.B. auch, die Ländervertretungen des Roten Kreuzes, der WHO oder bekannter Charity-Organisationen (z.B. Rotaract, Lions Club, etc.) anzuschreiben, wenn man ein bestimmtes Land im Kopf hat. Private Kontakte sowie insbesondere der zu Kollegen, die schon im Einsatz waren, sind ausgesprochen hilfreich. Die Liste an Möglichkeiten, die ich gefunden habe, würde den Artikel sprengen.

Zeitlicher Rahmen

Bezüglich der Auswahl einer Organisation ist wichtig, ob ein Kurzeinsatz (z.B. 6 Wochen, hier sei z.B. German Doctors genannt) oder ein mehrmonatiges oder sogar -jähriges Projekt (wie z.B. Ärzte ohne Grenzen) in Frage kommt. Oft wird Erfahrung im humanitären Bereich verlangt. Manche von mir privat kontaktierten Kliniken setzten einen Aufenthalt von 1-3 Jahren voraus, zur stabilen Patientenversorgung verständlich, frustrierend aber in Anbetracht des Angebots der freiwilligen Mitarbeit einer erfahrenen Kollegin. Dadurch sollte man sich nicht entmutigen lassen - aller Anfang ist schwer!

Logischerweise ist der Bewerbungsprozess bei Organisationen, die Kurzzeiteinsätze vermitteln, recht überschaubar, wohingegen man z.B. bei Ärzte ohne Grenzen aus gutem Grund auf Herz und Nieren geprüft wird. Sprich: Nur wenn man wirklich bereit und überzeugt ist, sich auf einen Langzeiteinsatz in schwierigen Regionen einzulassen,  sollte man sich auch bewerben.

Wohin?

Drei Punkte erscheinen wichtig:

  • Sprachkenntnisse
  • ein persönlich "gutes Bauchgefühl" hinsichtlich des Landes (kann ich mir vorstellen, dort unter einfachen Arbeits- und Lebensbedingungen zu leben?)
  • die Lage vor Ort (bezogen auf Sicherheit, Politik und andere Faktoren wie in meinem Falle die Pandemie)

Skills für einen Hilfseinsatz

Sprachkenntnisse: Natürlich hängt das sehr vom Einsatzland ab und ob man mit Dolmetschern arbeitet. Zur ärztlichen Kommunikation empfiehlt sich ein Sprachniveau ca. auf B2 Level, in jedem Fall aber sollte man sich nochmal mit dem medizinischen Vokabular beschäftigen, das hatte ich tatsächlich selbst auf Englisch unterschätzt.

Toleranz und Neugier: Im Team: Die Ärzte kommen oft aus vielen unterschiedlichen Ländern, sprich, jeder diagnostiziert und behandelt unterschiedlich. Das erweitert den Horizont, kann aber auch zu Differenzen führen. Deutsche Besserwisserei ist hier unangebracht und ich war dankbar, so viel von meinen Kollegen aus aller Welt lernen zu dürfen.

Gegenüber den Patienten: Es ist unheimlich bereichernd, Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen und zu behandeln. Beschwerden werden aber oft anders wahrgenommen und geschildert. Oft sind Patienten sehr fixiert z.B. auf Antibiotika, und einige Bereiche, wie z.B. Probleme im Intimbereich oder Verhütung, können nur mit Fingerspitzengefühl angesprochen werden. Schmerzen können, gerade in der Arbeit mit Geflüchteten, auch Ausdruck psychischer Probleme und von Traumatisierung sein.

Perfektionismus vergessen: High-tech Medizin gibt es nicht, eine MRT oder CT sowie ausführliches Labor ist Luxus. Sprich: oft kann man die Diagnose nicht so exakt stellen, wie man es gerne tun würde. Gegebenenfalls behandelt man empirisch das Wahrscheinlichste. Das ist andere Medizin, aber keine schlechte.

Neues wagen (müssen) und improvisieren: Jederzeit kann es passieren, dass man als Arzt neues wagen muss, da nicht immer ein Fachkollege vor Ort ist. Das kann Einfaches sein, wie z.B. eine Ohrspülung, aber auch Schweres wie z.B. ein Kind im Notfall zu sedieren oder blutende Schwangere zu versorgen.

Den Menschen sehen: Noch viel mehr als bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt und nicht die exakte Diagnose. Oft ist allein schon das Zuhören die beste Medizin, ein Lächeln zu schenken oder die Hand zu halten.

Keine Berührungsängste haben: vor Schilderungen von erlebter sexueller Gewalt und Folter und den entsprechenden Verletzungen. Vor schlimmsten dissoziativen Anfällen, nach Traumatisierung, die einem das Herz brechen. Vor Dreck, Gerüchen und der Tatsache, ständig selbst schmutzig zu sein und in engem Kontakt mit verschiedensten Erregern. Auch Menschen, die, wie ich, daheim nicht das Outdoor-Outfit sondern eher High Heels gewohnt sind, können das schaffen.

Leitbild der Organisationen: Dort sind neben einer "ideologischen" Ausrichtung klare Verhaltens- und Handlungsregeln festgeschrieben, sei es bezüglich der medizinischen Behandlung, sei es im Kontakt mit Medien oder auch mit Einheimischen. Diese Regeln sind grundsätzlich zu akzeptieren, auch wenn sie vielleicht nicht der eigenen Ansicht entsprechen. Ihre Nichtbeachtung kann, da man nicht als Privatperson, sondern als Repräsentant vor Ort ist, im schlimmsten Fall dazu führen, dass die Weiterarbeit der Organisation, gefährdet wird - man ist nur zu Gast im Einsatzland. Hierarchie-Strukturen sind sehr unterschiedlich ausgeprägt, aber es lohnt sich, im Zweifel den medizinischen Koordinator oder Leiter vor Ort, in (Therapie-) Entscheidungen mit einzubeziehen und anzusprechen, wenn gewisse Regeln aus der eigenen Perspektive schwierig umzusetzen sind.

 

Lesbos oder: warum in die Ferne reisen, wenn Hilfe mitten in Europa gebraucht wird?

Zum Zeitpunkt meiner Planung (Frühjahr 2020) waren auf Lesbos noch ca. 100 NGOs tätig, im medizinischen Bereich Kitrinos Healthcare, Medical Volunteers International, Boat Refugee Foundation und Ärzte ohne Grenzen. Ich fand es schwierig, ohne persönliche Kontakte dem jeweiligen Kern der medizinischen Arbeit auf den Grund zu gehen; die Internetseiten sind meist recht allgemein gehalten. Zufällig stieß ich online im Ärzteblatt auf einen Artikel über den Verein Solingen Hilft und seine Leitung Dr. med. Christoph Zenses. Er stand im engen Kontakt zu Kitrinos Healthcare und gab mir, ohne mich zu kennen, spontan und ausführlich Auskunft. Die Bewerbungsunterlagen waren recht umfangreich, aber gut zu beschaffen und ca. 10 Tage nach meinem Telefonat war mein Einsatz fix.

Auf Lesbos: Lesbos ist zum Inbegriff geworden für die gescheiterte europäische Flüchtlingspolitik. Begriffe wie "Hölle" oder "Katastrophe" werden oft in einem Atemzug genannt. Ich war also gespannt, wie die Realität sich darstellen würde.

Die ganzen vier Monate in Kürze zu schildern, fällt unglaublich schwer, denn die Eindrücke können Bücher füllen. Gearbeitet habe ich zunächst in einer speziellen Unterkunft für allein geflüchtete Frauen und ihre Kinder, das mit Kitrinos Healthcare, später im großen Camp "Moria 2.0" mit Medical Volunteers international.

Bei all der Misere, die ich zu Gesicht bekam, ist es doch umso wichtiger, mit positiven Eindrücken zu beginnen. Nämlich mit der unglaublichen Würde, mit der die Menschen die Zustände ertragen. Es ist bewundernswert, wie sie sich in den feuchten Zelten, oft nur mit einer Stunde Strom am Tag und ohne fließendes oder warmes Wasser herrichten und das Beste aus der Situation machen.

Natürlich bröckelt diese Fassade, wenn man vorsichtig etwas nachhakt, dann öffnet sich manche Tränenschleuse und damit verbunden ist der größte medizinische Mangel auf der Insel: psychologische und psychiatrische Versorgung für all die, die sie brauchen. Alle (!) Menschen, die ich gesehen habe, sind durch die Ereignisse vor oder auf der Flucht traumatisiert. Europa bietet ihnen kaum etwas Besseres - die Zustände im alten Moria sind bekannt. Nach dem Feuer atmeten alle auf, denn es gab ja keine Todesopfer. Was für ein erneutes Trauma das Feuer auslöste - über 10.000 Menschen rennen vor den Flammen davon, müssen oft ihre paar Habseligkeiten wieder zurücklassen - blieb wenig beachtet und wurde mir auch erst vor Ort klar. Ganz abgesehen von den Tagen nach dem Feuer, denn die Straßen waren durch die Polizei blockiert und damit auch die medizinische Versorgung. Für die Gewalt, die sich in diesen Tagen abspielte, und ihre Täter gibt es trotz aller Traumata keine Entschuldigung. Durch die Polizei verhindert wurde sie nicht. Vor allem die zahlreichen Vergewaltigungen haben mich schockiert.

Das neue Camp stellt in alldem nun eine Fortsetzung der Kette von Traumatisierungen dar.

Dennoch kann man mit einfacher medizinischer Grundversorgung Gutes bewirken. Das Team der Zelt-Klinik, gemischt aus NGOs, einem seit Oktober existierenden WHO-Labor, bis Mitte Dezember auch einem kleinen medizinischen WHO-Team und ein paar griechischen Kollegen, war hoch motiviert. Insbesondere möchte ich die außerordentlich gute Zusammenarbeit mit den griechischen Ärzten hervorheben. Ohne sie, als Bindeglied zum griechischen Gesundheitssystem, wären wir oft hilflos gewesen. So konnten wir zumindest eine Basisversorgung auf niedrigem Niveau gewährleisten.

Die Arbeit wäre auch nicht möglich gewesen ohne die enorme Hilfe der Flüchtlinge selbst, zum einem als Dolmetscher, zum anderen, ebenfalls angestellt bei den NGOs, als Organisatoren des täglichen Patientenchaos, bei der Triage und als beste Kenner der komplexen Organisationsstrukturen.

 

Der Alltag:

Die Schlange vor der Triage morgens ist lang, oft warten Menschen schon seit Stunden. Die Tickets reichen eigentlich nie für alle aus, kleine Probleme werden direkt an der Triage gelöst. COVID-Symptome werden abgefragt und gegebenenfalls wird getestet. Die Probleme der Patienten sind zunächst einmal die, die man in einer allgemeinärztlichen Praxis erwarten würde, allerdings sind die Krankheitsbilder geprägt durch die katastrophalen hygienischen Bedingungen, sprich: Läuse, Scabies und infizierte Wunden sind hochprävalent , auch Harnwegs- und Atemwegsinfekte. Schmerzen haben eigentlich alle, sei es, aufgrund einer Somatisierung oder auch einfach, weil man Gelenk- und Rückenschmerzen haben muss, wenn man auf kaltem Boden schläft.

COVID: Bei Atemwegsinfekten ergibt sich natürlich automatisch die Frage nach COVID im Camp. Schließlich war die Erkrankung, wenn auch indirekt, sprichwörtlich der Brandbeschleuniger für das alte Moria. Leider liegen mir keine genauen und offiziellen Zahlen der Infizierten im Camp vor.

Im vernachlässigten Isolationsbereich, der auch für Kontaktpersonen eingerichtet wurde, befinden sich im Oktober vielleicht max. 30 Personen, zum Ende meiner Tätigkeit nur ein paar wenige. Todesfälle oder intensivpflichtige Patienten hat es nicht gegeben. In Korrelation zu der Menschenmenge von aktuell 7000 und den nicht vorhandenen hygienischen Maßnahmen ist das ungewöhnlich. Natürlich ist der Großteil der Flüchtlinge jung und hat so viel anderes überlebt, aber kann ein Immunsystem unter diesen schlechten Lebensbedingungen stark sein? Die Dunkelziffer ist aber sicher hoch: Zu Beginn vermeiden Menschen mit Atemwegsinfekten den medizinischen Bereich aus der Angst vor der Isolation und noch schlechterer Behandlung. Wenn wir bei der Triage entscheiden, dass sie einen Test brauchen, laufen sie oft davon. In den letzten beiden Monaten hat sich dieses Verhalten aber deutlich entspannt. Testkapazitäten sind dank der WHO und der griechischen Kollegen genug vorhanden.

Damit ist es trotz allem weiterhin überraschend, dass COVID nun wirklich das geringste Problem im Camp ist - für die Flüchtlinge ein Segen.

Als überzeugte Europäerin macht es mich wütend und traurig, dass "mein" Europa diese Menschen so behandelt. Griechenlands Ministerpräsident besuchte kürzlich die Insel. Die meiste Zeit verbrachte er damit, Polizei und Küstenwache für ihre hervorragende Arbeit zu danken. Natürlich sind die nicht um ihre Aufgabe zu beneiden, wahrscheinlich ist es für einen griechischen Polizisten das personifizierte Grauen, nach Lesbos geschickt zu werden. Push backs der Küstenwache sind aber Fakt und keine Übertreibung. Nichtsdestotrotz machen sich täglich Menschen auf den Weg nach Europa, mehrmals die Woche landen Boote auf Lesbos. Das zeigt doch noch umso mehr, wie menschenverachtend und ineffektiv die Abschreckungstaktik ist.

Vor allem finde ich bizarr, wie punktuell, skandalisierend und medienwirksam die Zustände in allen griechischen Lagern von der Ferne aus von der Politik angeprangert werden. Die Lage dort verstehen hieße aber, vor Ort zu sein. Für unsere Spitzenpolitiker würde das bedeuten, einfach einmal ein paar Tage im Camp mit zu leben. Im feuchten, kalten Zelt, quasi auf dem Boden, in Sardinenstellung zu schlafen. Die Scabies und vieles mehr gäbe es gratis dazu. An der Spitze der EU steht doch nun eine Ärztin. Gerade sie sollte doch ihre Entscheidungen, so sehr diese natürlich vom Rest der Kommission und der EU abhängig sind, ethisch basiert treffen. Nur die Politik kann die Zustände substanziell und grundsätzlich ändern.

Dass wir im sicheren Europa geboren sind, ist reines Glück. Jeder von uns kann zum Flüchtling werden. Und genau so sollten wir die Flüchtlinge behandeln: wie wir uns selbst im Falle wünschen würden, behandelt zu werden. Respekt- und würdevoll und vor allem: menschlich.

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